Kein Sex heute nacht

Text von meiner großen Schwester, Andrea Reichart:

Kein Sex heute nacht Ich würde heute einfach ohne zu zögern Rummel und Party eintauschen gegen meditative Stille und beschauliches Frühzubettgehen nach einem gemütlichen Bad in irgendeinem wohlriechenden Schaum. In einem Pyjama, den außer mir schließlich niemand schön finden muss. Na und? Dann war er halt ein bisschen zu groß! Und? Was haben Männer nur gegen Karomuster? Und ich mag pink. Und mit den dicken Socken ist er nun mal kuschelig!

„Mein Gott, ist der unerotisch!“

Komisch, in der Werbung stochert der Mann immer lächelnd im Kaminfeuer, während seine schöne Frau in dem viel zu großen, kuscheligen Pyjama – der eigentlich seiner ist – mit dicken Socken zum Sofa schlendert, den Drink in der Hand, um sich dann – Knie angezogen – in die Schmusedecke zu hüllen, unter der sie sicher beide noch im Laufe des Abends vorm Feuer auf dem dicken flauschigen Teppich landen werden.

Einfach nicht hinhören.

„Willst Du auch einen Joghurt?“

„Nee, aber bring mal ein Bier mit!“

Im Fernsehen läuft gleich Boxen oder Formel Eins oder Boxen. Ich werde in 2 Stunden 44 und bin mir nicht mehr sicher, ob man Sex nicht inzwischen mit ks am Ende schreibt. Um es länger zu machen, das Wort.

„Wie schreibt man eigentlich jetzt ‚Sex’ nach der Rechtschreibreform?“

Hüsteln. Unruhe in der Sofaecke. Umschalten. Zurückschalten. Hecktisch in der Fernsehzeitung blättern.

Lässiges „Was?“

Genüßlich lecke ich den Joghurt vom Teelöffel. Langsam. Lasziv.

Das habe ich auch schon mal im Fernsehen gesehen.

Na gut, Jamie Lee Curtis hat vor Arnold Schwarzenegger getanzt und sich dabei erotisch ihren Zeigefinger abgeleckt, aber jetzt muß es halt ein Löffel tun. Anders komme ich heute nicht früh ins Bett.

„Willst du gleich Boxen mitgucken? Wird bestimmt ein toller Kampf!“

Ich knüpfe mit einer Hand den obersten Knopf meines Pyjamas auf.

Ich tunke langsam den Löffel in den Joghurtbecher und schiebe ihn mir in Zeitlupe zwischen die leicht geöffneten Lippen, ohne Ralf aus den Augen zu lassen.

Ralf schwitzt.

„Ich habe überlegt, ob wir nicht vielleicht Frank einladen können? Der muß doch sonst ganz alleine gucken!“

Ich verändere leicht meine Position. Wenn ich mich ein wenig vorbeuge, dann wird er sehen, dass ich keine Unterwäsche unterm Pyjamahemd trage. Wenn ich mich zu viel vorbeuge, dann sieht er allerdings das baumwollene Unterhemd.

Ich streichele scheinbar ganz in Gedanken meine Schulter und schiebe offensichtlich unbemerkt den Träger weg. Der Pyjama rutscht ein ganz klein wenig über die Schulter, Haut kommt zum Vorschein.

Ralf kratzt sich den Kopf. Fernbedienung. Umschalten, Vorbeugen und konzentriert der Bierwerbung lauschen. Gott, ist die wieder lustig! Laut lachen!

„Soll ich dir was aus der Küche mitbringen?“ Er lächelt mich kurz an.

Schwupp, schon ist er weg.

„Nein, bis gerade hatte ich hier alles, was ich brauche!“

Stille in der Küche.

Da klappert keine Schublade, da quietscht keine Kühlschranktür.

Aber ich weiß genau: da lehnt ein müder Endvierziger mit dickem Bauch an der Wand und weiß nicht, was er wie zuerst machen soll: Hände waschen? ‚Verdammt, warum habe ich nicht geduscht!’ denken? Die Nase unter den Arm drücken und testen, ob der Schweiß des Tages noch stinkt? Oder einfach …?

„Man, hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“

Na also!

Ich bin nett!

„Und ob! Ich kann kaum noch die Augen aufhalten,“ antworte ich und grinse meinen blank gelutschten Teelöffel an.

Zack! Kühlschranktür auf, Tür zu, Schrank auf, Schrank zu, Teller raus, Brot schmieren, es kommt wieder Leben in den Mann!

Ich bin großartig!

"Ruf Frank lieber gleich an, sonst ist er womöglich unterwegs und kann gar nicht mit dir Boxen gucken!“

„Wenn du meinst!“

Ich sehe ihn förmlich das Schnittchen anstrahlen.

„Bist du böse, wenn ich mich gleich zurückziehe?“

Ralf ist erwachsen. Er springt nicht mehr vor Freude in die Luft. Nur seine Stimme hüpft.

„Quatsch!“ Er setzt sich wieder, stellt den Teller mit den Bütterchen zwischen uns, schaut mich beinahe besorgt an, schaltet ein letztes mal um, das Boxen Vorprogramm läuft schon – und gibt sich richtig Mühe, mir einen netten Abgang zu ermöglichen. Nur schnell sollte er sein.

Wir sind beide groß.

Ich liebe ihn von Herzen.

Aber ich bin so unglaublich froh, dass ich nicht mit seinem Freund Frank und ihm beim Boxen in meinen 44. Geburtstag hinein feiern muß.

Und ich bin froh, daß ich heute keinen Sex mit x haben werde.

Nicht dass Sex mit Ralf nicht schön sein kann.

Aber nicht heute. Nicht jetzt.

Jetzt möchte ich mich mit meinem Pyjama und meinem wunderbaren Fantasy zurückziehen in mein kleines Reich, mein eigenes Zimmer, mein eigenes großes Bett.

Ich freue mich darauf, dass die Kissen den Geruch des Schaums annehmen werden, nach dem mein ganzer Körper riecht, und es tut mir ein ganz klein wenig leid, dass Ralf gar keine Chance bekommt, mal zu schnuppern.

Das kann man ändern.

Ich stehe auf, gehe zu ihm hin und küsse ihn dankbar auf die wenigen Haare, die noch seinen Kopf zieren.

Dann beuge ich mich ein wenig hinunter bis seine Nase in meiner Halsbeuge steckt und sage „Riech mal!“

„Hhhhm!“ Er ganz so charmant sein!

„Wir feiern morgen, okay?“ flüstere ich ihm dann noch leise ins Ohr und höre seinen Herzschlag förmlich aussetzen.

Noch ein Kuß, weg bin ich.

"Schlaf schön!“ höre ich ihn noch rufen, aber ich bin schon weg.

Gott, ist es schön, eine Frau zu sein!

 

 

10.9.07 11:47

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ricarda (12.9.07 15:33)
Liebe Andrea,
großartiger Text... gefällt mir außerordentlich. Gibt es noch mehr davon?
Liebe Grüße, Ricarda.

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