Ein Reisebericht...

 

Von meiner lieben Freundin Ricarda Böhm

Die Helligkeit der Nacht oder Das letzte Abenteuer unserer Zeit

Sarek – Europas Wildnis  
Jenseits unserer alltäglichen Welt, fern jederzeitiger Erreichbarkeit und Agendas, die unser Leben bestimmen, liegt das vielleicht letzte Abenteuer unserer Zeit: Wandern in der Einsamkeit - ein Abenteuer mit sich selbst.
Es gibt Zeiten im Sommer, da geht die Sonne in Schweden niemals unter. Es ist hell, 24 Stunden am Tag - die Helligkeit der Nacht fasziniert.



Wer noch niemals im hohen Norden war, hat einiges verpasst. In den Naturschutzgebieten in Nordschweden, oberhalb des Polarkreises, finden sich atemberaubende Landschaften. Mit Rucksäcken beladen, zogen wir in diesem Sommer los, um den Sarek-Nationalpark kennenzulernen. Drei Freunde, drei Rucksäcke, drei Vorstellungen – ein Zelt.
Der Sarek ist eine großartige und fast unberührte Hochgebirgsregion mit steilen Gipfeln und Gletschern. Zwischen Gebirgsmassiven befinden sich tief eingeschnittene Talgänge, die von Wasserläufen geteilt werden. 12 Tage in der Wildnis, Übernachtungen im Zelt bei Wind und Wetter, die gesamte Nahrung im Gepäck. 25kg auf dem Rücken. Eine Erfahrung, die man nie mehr vergisst. Heraus aus der Großstadt, weg von Büro, Telefon und Termindruck, fern ab der Zivilisation. Schmerzen – in den Beinen, im Rücken, in den Armen und sogar im Bauch...
Wir starten am Suorva-Staudamm Richtung Skarja, dem Herzen des Sarek. Die lästigen Mücken begleiten uns leider vom ersten Tag an, denn es gibt wenig Wind, die Sonne scheint und es ist warm. Doch im regenwahrscheinlichsten Gebiet ganz Schwedens kann sich das Wetter sehr rasch ändern. Mein erster Tag verläuft bis zum Mittag gut. Doch die zweite Flussquerung wird mir zum Verhängnis. Voller Energie und Adrenalin schlüpfe ich in meine Turnschuhe, die wir extra für diese Zwecke im Gepäck haben, und marschiere ins Wasser. Der Fluss sieht für mich harmlos aus, doch er ist tief. Tiefer als Knietiefe. Und doch wage ich mich weiter vor – mit dem Ergebnis, dass meine Beine vom Wasser weggerissen werden und ich im Bach lande. Mein Rucksack und ich werden fortgeschwemmt, Panik macht sich breit. Das Wasser ist eisig... An der nächsten Kurve erwische ich einen Busch und halte mich fest. Einer meiner Mitstreiter zieht mich aus dem klaren Gebirgsstrudel. Mir ist so kalt wie noch nie zuvor in meinem Leben, und ich reiße mir die Sachen vom Leib. Das war der Tag, an dem wir entschieden, nie ohne Sicherheitsleine die Flüsse zu durchqueren.


Unser Lager errichten wir am Abend an hoher Position, um nicht zu riskieren, vom Regen weggeschwemmt zu werden. Unten an den Flüssen ist die Vegetation am stärksten – das bringt Mückenmassen mit sich. Birkenwäldchen ziehen sich bis zu drei, vier Kilometer vom Ufer fort. Nimmt man einige Höhenmeter, verändert sich die Landschaft und es wird kahler, viele Steine und Flechten bestimmen das Gesamtbild.
Wandern tut gut. Die Bewegung, die Anstrengung, die frische Luft – all das lässt die Gedanken der Alltagswelt in den Hintergrund treten. Kein Mobiltelefon, welches uns in die Zivilisation zurückklingelt – es gibt keinen Empfang. Die Konzentration wird auf das Wesentliche beschränkt: den Weg. Und die Pausen, die Nahrung und den Lagerplatz. Gespräche, für die wir sonst nie Zeit finden, sind plötzlich wichtig und gut.
Rentiere kreuzen unseren Weg, kurz bevor wir am 4. Tag in ein höher gelegenes Tal aufbrechen, das Pastavagge. Ein nicht ganz einfacher Abschnitt unserer Wanderung, hier wird die Landschaft von schroffen Bergmassiven, Schnee und Eis beherrscht. Wir überqueren einige Schneebrücken mit dem Sicherheitsseil und kommen langsam aber sicher voran. Es ist ein starkes und gutes Gefühl, etwas zu schaffen. Angst zu überwinden und sich neuen Herausforderungen zu stellen. An diesem Tag queren wir den letzten Abfluss nicht mehr, das Wasser ist sehr wild und zu tief. Wir planen, am nächsten Morgen früh aufzubrechen, wenn der Wasserstand niedriger ist.


Am Morgen funktioniert die Querung mit viel Adrenalin aber ohne Probleme, das glasklare Gebirgswasser ist allerdings eiskalt, sodass wir unsere Füße kaum mehr spüren. Langsam wandern wir an diesem wunderschönen Morgen der Sonne entgegen, die Vegetation nimmt zu und die steilen Hänge lassen wir hinter uns. Wir steigen ab Richtung Sitojaure, einem See, den wir mit einem Boot überqueren – die Samen, die Urbewohner Lapplands, bieten hier einen Bootservice an. Zuvor müssen meine Mitwanderer allerdings die Bootschraube auswechseln, da die Damen am Tag zuvor auf Steine gefahren sind. Während der Zeit der Reparatur nimmt eine der Frauen die Fische aus, die sie soeben gefangen hat. Ihre zwei kleinen Enkel sehen zu – das Mädchen sammelt die winzigen Fischherzen ein, weil sie sie gern hat, betont ihre Großmutter. Später finde ich eines der Fischherzen an Jörgs Rucksack kleben.

 


Der See liegt ganz ruhig und schimmert faszinierend dunkelblau. Umgeben von den schroffen Bergen ist selbst die Bootsfahrt etwas Außergewöhnliches. Wir setzen unseren Weg auf dem Kungsleden fort, einem Wanderweg, der recht gut ausgebaut ist.
Der zweite Teil unserer Tour ist einfacher durch den großen Wanderweg. Wir besuchen Aktse, einen kleinen sehenswerten Ort mit einem einzigartigen Delta und der Aussicht über den Sarek vom Gipfel des nahegelegenen Berges Skierfe. Leider können wir den Berg nicht besteigen, obwohl ein Weg hinauf führt. Der Gipfel ist dicht von Wolken umgeben.
Das schlechte Wetter sorgt dann für einen Zeltaufenthalt von 1,5 Tagen, was jedoch der körperlichen Erschöpfung zugute kommt – die Energie kehrt durch die ungewollte Ruhe zurück. Unsere zwei letzten Wandertage werden von der Sonne begleitet und eröffnen uns unglaubliche Panoramablicke über die Täler...
Endstation unserer Reise nach fast 150 km ist die Fjällstation Saltoluokta. Hier werden Kiefernurwälder von Birkenwäldern und Fichtenbeständen abgelöst. An diesem kleinen Ort genießen wir das erste kühle wundervolle Bier nach 12 Tagen! Leider ist der Aufenthalt in der freien Natur nun beendet. Doch in unserer Erinnerung lassen wir sie immer wieder aufleben und wissen genau: das haben wir geschafft. Nur durch eigene Kraft und den Willen, ein solches Erlebnis in uns aufzunehmen und zu genießen. Ohne das oftmals überflüssige Beiwerk unseres Alltags. Äußerlichkeiten spielten keine Rolle: das waren wir, ungeschminkt und der Natur so nah wie vielleicht niemals zuvor.

Rica

20.9.07 11:26

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