Runde Räume

Von meiner großen Schwester Andrea Reichart 

Runde Räume  

Ich liege im Bett, im stillen Dunklen. Leise halten draußen Autos an der Kreuzung, ehe sie bei blinkendem Gelb vorsichtig weiterfahren. Durch die Wand höre ich die alte Uhr der noch älteren Nachbarin langsam elf Mal schlagen. Sie höre ich fast nie.

Neben mir auf ihrem eigenen Kissen atmet ruhig meine Hündin, zufrieden zusammengerollt. Der Rüde schläft vorm Schrank so fest, dass man ihn im Moment noch gar nicht hört. Er wird erst später zuckend und schnaufend als kraftstrotzender junger Hund im Traum losrennen und nachtschattige Eichhörnchen die nebeligen Bäume hochjagen, als sei er nicht fast elf und als käme er die Treppe in den ersten Stock noch locker hoch. Die Katzen liegen verteilt im Zimmer, leise und gleichmäßig schnurrend, und lassen sich von der Harmonie unserer gemeinsamen Entspannung einlullen.

Wie ich, lieben sie diese Minuten zwischen Wachen und Schlafen und sehen lange vor mir die Ecken des Zimmers aufweichen und zerfließen und sich neu ordnen im harmonischen Ganzen, in meinem Kokon, in der stillen warmen Höhle, dem nächtlichen Jungbrunnen, aus dem ich morgens ausgeschlafen und mit erholter Gesichtshaut schlüpfe wie das 44-jährige Küken aus dem Ei.

Mein runder Raum.

Ok, er IST sehr staubig, und ich MÜSSTE mal saugen, und man KÖNNTE auch mal die Bettwäsche wieder wechseln, aber ehe mich dieser Gedanke aus meiner Entspannung reißen kann, rennt Luke los und ich lausche seinen Sprüngen, die sich auf dem weichen Waldboden jaghundschnell entfernen und verfolge sein leiser werdendes Hetzjaulen und ich drehe mich um in der ruhigen Gewissheit, dass dieser Hund schon immer viel zu blöd war, um etwas zu erwischen.

Und mein letzter Gedanke im runden Raum kann kaum noch gegen die Katzen anschnurren, als ich mir wünsche, es möge ewig so bleiben.

21.9.07 01:10

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